Unser Schulentwicklungsprozess in Zeiten der Digitalisierung – und warum wir uns Zeit lassen, obwohl wir eine Richtung haben

IMG_3730.jpgWir sind ein ganz normales Gymnasium in Baden-Württemberg. Für viele sind wir dadurch qua Schulform nicht der Hort der Entwicklungsbereitschaft. Aber ganz normal sind wir trotzdem nicht: Wir sind in evangelischer Trägerschaft; wir haben im Jahre 2010 beim Schulpreis den Sonderpreis für Schulentwicklung erhalten; und wir haben seit 2004 ein eigenes Profilfach mit der Bezeichnung „Mensch und Medien“, ein Fach mit medienethischen Fragestellungen, das zum Ziel hat, dass die SuS die Medien beherrschen, nicht die Medien sie. Dadurch haben wir 4-5 medienaffine LuL, die dieses Fach unterrichten und auch weiterentwickeln. Sie standen damit im Kollegium aber bisher alleine da.

Was treibt uns?

Niemand kann die epochalen Veränderungen in der Gesellschaft und in der Art, wie wir alle lernen, noch leugnen. Das System Schule muss darauf reagieren, nein, auch endlich einmal agieren. Ein System, das diese Veränderungen nicht ernst nimmt, macht sich lächerlich. Dafür muss ich nicht Professor Hurrelmann zitieren, der das mal beim GEW-Bundeskongress in Stuttgart so ähnlich sagte. Gleichzeitig bekamen wir 2016 in Baden-Württemberg einen neuen Bildungsplan mit der Leitperspektive Medienbildung (mal wieder in anderen Fächern integriert) und es gab ein umfassendes Tabletprojekt an beruflichen Schulen, die mit unserem Aufbaugymnasiumszweig in einer gewissen Konkurrenz stehen. Also: Mikro- und Makroebene sprachen für einen Veränderungsprozess.

Wie ging es los?

Mit einer Hospitation! Im Juli ging’s zu dritt zur Villa Wewersbusch nach Velbert. Unsere Fragen waren weniger technischer Natur. Eher wollten wir wissen, wie sich das Lernen und der „Unterricht“ durch den Einsatz von Technik verändert. Welche Chancen ergeben sich? Was sind typische Fallen? Über die Ergebnisse habe ich an anderer Stelle geschrieben, daher hier nur kurz die Zusammenfassung: Die Villa setzt auf iPads, Apple TV und iTunesU als Plattform. Sie haben technisch einfache und funktionierende Lösungen gefunden und können auf dieser Basis experimentieren. Vieles läuft noch wie an jeder anderen (ggf. reformpädagogisch beeinflussten) Schule; der Paradigmenwechsel beim Leitmedium und Veränderungen, die daraus folgen, waren aber in Teilbereichen bereits zu sehen. Ein einheitliches pädagogisches Konzept war (noch) nicht zu erkennen. Aber das muss man einer solchen Schule im Aufbau zugestehen.

Wir waren dankbar: Für die Ermöglichung der Hospitation, für die Beantwortung unserer Frage, wie sich das Lernen verändern könnte oder auch, was passiert, wenn sich das Denken in den Köpfen noch nicht geändert hat, die Technik aber vorhanden ist. Philippe Wampfler wies in einem Blogeintrag zu Kahoot! zurecht auf die Tendenz zu behavioristischem Lehren und Lernen hin, und auch Axel Krommer wird nicht müde, den Konstruktivismus einzufordern, in Velbert konnte man beobachten warum: Kahoot, Socrative, Mindmaps auf Basis von Nachrichtensendungen, viel Rezipieren und Reagieren. Allerdings tut sich dort vor Ort Einiges, und Kongresse wie #ViWe17 beweisen, dass die Akteure dort eine hohe Lernbereitschaft haben.

Was mir persönlich noch fehlte, und wozu ich ein 1,5-stündiges Telefonat mit dem Geschäftsführer Florian Kesseler hatte, war ein zentraler Speicherort für das akkumulierte Wissen. Für die konsequente Kompetenzorientierung wird hier ein sehr funktionaler Wissensbegriff verwendet. Mir fehlte das Orientierungswissen für wesentliche gesellschaftliche Fragen, ohne die man z. B. „Fake News“ gar nicht als solche identifizieren kann, weil einem bei einer Meldung gar nichts komisch vorkommt. Eine reine Kompetenzorientierung würde zur Forderung führen, dass man mehrere Quellen vergleichen muss, was man aber ohne den kognitiven Konflikt nicht tut.

Wir (die stellvertretende Schulleiterin, der Netzwerkberater und ich als Abteilungsleiter für Schulentwicklung) hatten Blut geleckt und nahmen uns weitere Erkundungen für das kommende Schuljahr vor, inkl. eines Leitthemas zur „Digitalisierung“. Inzwischen würde ich mich Dejan Mihajlovic sofort anschließen, wenn er vom „zeitgemäßen Lernen“ spricht.

Noch mehr Hospitationen

Im Schuljahr 2016/17 waren wir dann beim Forum Bildung Digitalisierung in Berlin. Den Keynote Vortrag hielt Prof. Thissen. Die Freude war groß über so viel Energie im System und wir lernten viele interessante Ansätze und Schulen kennen. Und wir erfuhren auch, dass die ganzen Stiftungen, die das Forum finanzieren, doch eine sehr verengte Vorstellung von Bildung haben, die wir an unserem Gymnasium nicht so leben wollen. Hier verweise ich gerne auf die Kritik von Lisa Rosa. Hilfreich war es für das Kennenlernen für uns attraktiver Schulen.

Als erstes fuhr mein Schulentwicklungskollege mit sieben Kolleginnen und Kollegen an die Alemannenschule Wutöschingen. Das war Teil des Konzepts: Möglichst viele am Entwicklungsprozess Beteiligte Erfahrungen sammeln lassen. Über diese Schule ist schon viel geschrieben worden, und Valentin Helling ist ja quasi auf permanenter Europatournee. Es gibt ein tolles Raumkonzept, ein stimmiges pädagogisches Konzept, dass auf eine hohes Maß an Eigenständigkeit setzt und diese auch fördert und am Ende auch nachprüfbar erreicht, und eine Einbettung dieser Technik in das Lernsetting, das sowohl analog als auch digital gestaltet wird. Unsere Erkenntnis von hier: das Lernen selbst verändert sich auch hier nur sehr partiell; wir können von dieser Schule lernen, wie man effektiv die Basics für alle SuS sichert (vgl. dazu auch die Konzepte zur Leistungsmessung), dazu machen sich Gymnasien zu wenige Gedanken. Gleichzeitig braucht es für konstruktivistisch angelegte Lernsettings am Gymnasium unseres Erachtens zusätzlich weitergehende Zielsetzungen. Auch in Wutöschingen arbeitet man übrigens mit iPads und die Trägerin fördert die geleasten Geräte mit 10,- pro Monat. Die Schule ist der Leuchtturm der Stadt.

Nach zwei Gemeinschaftsschulen fehlte uns noch die Perspektive eines Gymnasiums. Da wir an einer christlichen Schule interessiert waren, ging es erneut Richtung Bodensee, an das Schloss Gaienhofen, eine Schule in evangelischer Trägerschaft der Landeskirche Baden. Hier gibt es eine Arbeitsgruppe Individualisierung, die mit großem Engagement in diesem Zusammenhang eine technische Aufrüstung durchgesetzt hat. Auch diese Schule setzt auf iPads. Es gibt eine Lernplattform (itslearning), die nach unseren Eindrücken kaum genutzt wird und auch bei Erzählungen und auf Nachfrage keine Rolle spielte. Alle LuL bekommen zum Einstieg ein iPad zur Verfügung gestellt, es gibt aber kein einheitliches Konzept zur „Individualisierung“, der Unterricht sah weitestgehend so aus wie ein gutes Gymnasium heutzutage bereits arbeitet: Frontale und dezentrale Phasen wechselten sich ab, Projekte sind an der Tagesordnung und der Umgang mit abstrakten Lerninhalten und Theorien ebenfalls.

Zwischenfazit: Einige gute Ansätze, (noch) kein einheitliches Bild, wo wir hinwollen. Wir schwimmen. Ehrlich.

 

Kick-Off-Tagung mit allen Beteiligten

Auf dieser Basis sahen wir es als unerlässlich an, mit allen am Schulleben beteiligten eine kleine Denkfabrik zu bilden, die Zukunftsentwürfe für unsere Schule entwickelt. Dazu organisierten wir eine Kick-Off-Tagung, eine Schulentwicklungsklausur mit Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrerinnen und Lehrern. 22 Interessierte dachten in ihrer Freizeit Freitag/Samstag mit und weiter. Mit der Methode World Café dachten wir über vier Fragen auf unterschiedlichen Ebenen nach, von abstrakt bis sehr konkret:

  1. Bildungsziele und Unterrichtsentwicklung
  2. Was lernen unsere Schülerinnen und Schüler im Profilfach „Mensch und Medien“? Was sollten alle lernen?
  3. Wie könnte ein optimiertes Methoden- und Mediencurriculum auf dieser Basis aussehen?
  4. Welche Technik brauchen wir dafür?

Dazu gab es jeweils noch Unterfragen, und in den Gruppen wurde mit abnehmender Zeit gearbeitet, so dass man beim 4. Durchgang nur noch zur Kenntnis nehmen konnte und kleine Ergänzungen möglich waren. Hier ein Bild zu Frage 1:

office-lens-20161210-103733-1.jpg

Die Ergebnisse wurden im Kollegium vorgestellt und bestanden auf technischer Seite auch darin, dass wir die Lehrkräfte mitnehmen müssen. Dazu hat uns auch Jan Weiss aus Filderstadt die Augen geöffnet. Deren Ansatz, ständig kleine attraktive Angebote zur Fortbildung zu machen, ist bei uns schon gut etabliert. Wir wollten also alle mitnehmen und begeistern (wer will das nicht?), also mussten wir einen Anknüpfungspunkt bieten, und der besteht in Office 365. Auch nicht-technikaffine Lehrer sind mit Office vertraut. Dieses Tor nutzten und nutzen wir.

Die Technik

Office 365 schauten wir uns auf der Didacta als quasi LMS an. Es gibt Lösungen verschiedenster Firmen dazu. Was es zu diesem Zeitpunkt noch nicht gab, war ein Kommunikationssystem innerhalb von Office 365 zum fachlichen Austausch mit den Kursen/Klassen. Die Anbieter empfahlen Skype for Business. Inzwischen ist dieses Problem dank Microsoft Teams erledigt.

Wir hatten dank meines OneNote-Kurses in der Oberstufe bereits Erfahrungen gesammelt und auch einige Kolleginnen und Kollegen von dieser Art zu arbeiten überzeugt. Damit meine ich OneNote als Wissenshub, nicht als alleinige Lösung für alles. Aber vieles, wofür man sonst verschiedene Apps braucht und sich einarbeiten muss, geht eben auch in diesem System (Quizzes, Bildergeschichten sortieren und schreiben, Peer Correction, überhaupt Kolloboration jeglicher Art, gemeinsame „Tafelanschriebe“, Visualisierungen, Audio-Aufnahmen, Einbindung von YouTube uvm.).

Nun fehlte uns noch eine bezahlbare und stabile Hardware-Lösung. Wir gingen sehr ergebnisoffen an diese Frage heran, wohl wissend, dass sich viele Schulen für iPads und Apple TVs entschieden hatten. Unser W-Lan-Netz war und ist vorhanden und halbwegs stabil, in den Testräumen bereits sehr gut. Auch hier ist noch Arbeit zu erledigen.

Auf der Didacta hatten wir lange Gespräche mit verschiedenen Anbietern. Sehr hilfreich war dabei Martin Rist von HP, einer der wenigen Firmenvertreter, die auch gerne pädagogisch denken und die Probleme offen ansprechen, auch das Problem der Haltbarkeit der Geräte.

Was wir wollten:

  1. Stiftbedienung möglich
  2. Haltbar und ordentlich verarbeitet
  3. Einfach zu wartendes System
  4. Kosten unter 400,-

Natürlich haben viele Hersteller ein solches System prinzipiell im Angebot, aber schaut man sich die Erfahrungen mit Windows-Systemen an verschiedenen Schulen an, so zeigt sich, dass dies im Oberstufenbereich ganz gut funktionieren kann, aber Kriterium 3 in Unter- und Mittelstufe sehr wichtig wird. Wir sind schließlich Pädagogen und wollen/können nicht den ganzen Tag technische Probleme lösen. Wir ließen uns verschiedene Geräte zuschicken und testeten sie in den Klassenräumen, auch mit den verschiedensten Streaming-Sticks. Vielen brauchen wir nicht zu sagen, dass die zuverlässigte Lösung, die außerdem als einzige die Differenzierung nach Räumen zulässt, ohne dass jemand vom Nachbarraum darauf zugreift, ein Apple TV war und ist.

Wir entschieden uns daher, weiter offen zu bleiben und eine vorläufige und bezahlbare Lösung zu finden (in diesem Bereich ist alles vorläufig). D. h. wir testen mit unseren Schülern die neuen iPads von 2017 für ca. 350,- mit dem Nachteil, dass keine Stiftbedienung möglich ist. Das ist schade, aber der Preis, den wir für die Erfüllung der uns wichtigeren Kriterien zahlen müssen. Auch diejenigen Eltern, die Angst haben, Ihre Kinder würden das Schreiben auf Papier verlernen, nehmen wir so mit. iPads sind gut wartbar und stabil. Für das Mobile Device Management (MDM) entschieden wir uns aus Kostengründen auch für eine günstige vorläufige Lösung, nämlich Zuludesk, das mit 5,- pro Jahr pro Gerät gut leistbar ist.

Die Oberstufe soll selbst entscheiden können, mit welchem Gerät sie arbeiten will. Das wird weitere Probleme mit sich bringen, aber hier wäre es gut, wenn Eltern mit ihren Kindern entscheiden können, im Hinblick aufs Studium ein von ihnen dann selbst zu wartendes 2 in 1 Convertible o.ä. anzuschaffen.

Pädagogischer Tag als Barcamp

Im April 2017 stellten wir alle Varianten dem Kollegium bei einem Pädagogischen Tag vor. Den Weg zum Umdenken ebnete Axel Krommer mit seinem sehr gelungenen und kurzweiligen Impulsvortrag zum „Unterricht in Zeiten der Digitalisierung“, in dem er deutlich machte, wie unsere Schule (und alle anderen mit) durch den Übergang von der Gutenberg-Galaxis in die Turing-Galaxis bildlich auf den Kopf gestellt wird. Anschließend boten Kolleginnen und Kollegen Impulse und Entwicklungsideen für den Unterricht, wenn die Geräte denn mal im Einsatz sind bzw. wie man die Handys der Schülerinnen und Schüler gewinnbringend nutzen kann. Vielen wurde da erst klar, wie verbreitet der unterrichtliche Einsatz der Handys z. B. in Sport bzw. den Naturwissenschaften bereits ist. Das Programm und die Workshops finden sich an anderer Stelle hier im Blog. Fazit des Kollegiums: „Danke, dass Ihr auch uns Dinosaurier mitgenommen habt“ und: „Mir brummt der Schädel, das verändert ja ALLES!“. Es ist das gleiche Gefühl, das man hat, wenn man zum ersten Mal auf einem Educamp ist.

Forum Schulentwicklung und Schulkonferenz

Es folgte dann noch die Aussprache mit den Eltern, die ja am Prozess immer beteiligt waren, im Rahmen unseres Forums Schulentwicklung und auch im Rahmen der Schulkonferenz. Wir vereinbarten, einen kleinen technischen Testlauf zu machen und im kommenden Schuljahr über Finanzierungsfragen zu sprechen.

Entscheidung der Schulleitung: Pilot

Aktuell ist der Stand so: Die Schulleitung hat entschieden, dass wir einen Satz mit 30 iPads anschaffen. Diesen testen wir in mehreren Räumen mit den neu einzurichtenden Informatik-Kursen in Klasse 7 (laut Bildungsplan 2016). Läuft die Technik, gehen wir an die Fortbildung der Lehrkräfte und reden mit den Eltern über die Finanzierung im kommenden Schuljahr. Der Plan ist, im kommenden Schuljahr zu einer 1:1 Ausstattung ab Klasse 7 zu kommen (die anschließend hochwächst). Der Satz mit den 30 iPads kann dann als Leihsatz in den Klassen 5 und 6 eingesetzt werden. Als Basis wird Office 365 mit seinen Apps dienen, als Rahmen Microsoft Teams. Updates dazu dann im Laufe des Schuljahres, in dem dieser Beitrag vielleicht auch noch einmal überarbeitet und ergänzt wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ein Gedanke zu „Unser Schulentwicklungsprozess in Zeiten der Digitalisierung – und warum wir uns Zeit lassen, obwohl wir eine Richtung haben

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